«...ich habe immer alles mit vollem Engagement gemacht.»
Sechs Fragen an Balthasar Glättli
Balthasar Glättli, warum wollen Sie Friedensrichter werden?
Balthasar Glättli: Zuallererst arbeite ich gerne mit Menschen zusammen. Mich interessieren verschiedene Meinungen und Sichtweisen und ich finde es reizvoll, aber durchaus auch herausfordernd, zu versuchen, aus zwei kompletten Gegensätzen eine gemeinsame Lösung zu suchen. Hier leistet ein Friedensrichter sehr viel. Es geht hier darum, Menschen wieder zu einem Gespräch zusammen zu führen, ohne dass bereits Anwälte im Spiel sind und die juristischen Kanonen aufgefahren sind.
Was qualifiziert Sie für diesen Beruf? Sie sind ja kein Jurist?
Friedensrichter ist ein Laienamt, hier muss auch der gesunde Menschenverstand walten können. In meiner jetzigen Tätigkeit als Geschäftsführer von Solidarité sans frontiéres führe ich einfache juristische Beratungen durch, und das Vermitteln zwischen MigrantInnen, aber auch zwischen MigrantInnen und SchweizerInnen gehört für mich zum Berufsalltag. Dies ist sicher in den Kreisen 4 und 5 eine besonders wichtige Erfahrung. Mir gefällt es, mit Menschen zu arbeiten, und ich glaube, es liegt mir auch. Auch damals als Ko-Präsident des städtischen Gewerkschaftsbundes und jetzt als Ko-Präsident der Grünen Kanton Zürich muss ich häufig zwischen unterschiedlichen Menschen und Ansichten vermitteln, muss Lösungen suchen, die für alle tragbar sind.
Ist dieses Amt überhaupt vereinbar mit Ihrem politischen Engagement?
Der Friedensrichter ist kein politisches Amt. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, weiterhin als Grüner im Gemeinderat zu bleiben. Robert Schönbächler von der CVP hat dies vorgezeigt. Natürlich muss man beide Ebenen trennen können. Ich habe auch Erfahrungen damit, verschiedene Hüte zu tragen, verschiedene Rollen zu haben. Die Trennung zwischen Beruf und Politik müssen schliesslich auch andere Menschen machen.
Sind Sie nicht etwas zu jung für dieses Amt?
Ich betrachte das Amt des Friedensrichters nicht als Abstellgleis, wo man auf seine Pensionierung wartet. Der Friedensrichter muss sicher eine gewisse Lebenserfahrung haben und über soziale Kompetenz verfügen. Das ist aber nicht in erster Linie vom Alter abhängig. Ich habe in meinem Leben immer alles, mit vollem Einsatz und vollem Engagement gemacht, das wäre hier nicht anders.
Was wäre für Sie das Spannendste an diesem Beruf?
Dass ich mit Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Bildung und Schicht zutun habe. Das kleine, vermeintlich Alltägliche, ist nicht nur spannend, sondern hat auch einen grossen Einfluss auf das Leben der Leute. Ich glaube, dass es sehr befriedigend ist, Konflikte zu lösen und zwei Menschen wieder in ein Gespräch zu führen.
Gibt es auch Nachteile?
Nein, aber es liegt sicher auch eine Herausforderung darin, abstrahieren zu können und nicht nach Sympathie zu urteilen. Ein Friedensrichter muss auch mit schwierigen Menschen und mit schwierigen Fragen umgehen können. Und beim Friedensrichter gilt das Sprichwort der Klügere gibt nach
nicht immer, es soll vermieden werden, dass derjenige, der weniger streitlustig ist, übervorteilt wird.
