Dossier Schauspielhaus Zürich / Marthaler

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zusammengestellt von Balthasar Glättli (www.glaettli.ch)

Die GRÜNE Position

[Medienmitteilung auf www.gruenezuerich.ch]

GRÜNE Stadt Zürich, den 01.09.02
Trennung von Marthaler überhastet - strukturelle Probleme ungelöst

Die Geschichte vom Sack und vom Esel

Gestern einmal mehr international ausgezeichnet - heute entlassen: Wie mit Christoph Marthaler umgesprungen wird, ist, egal ob man ihn mag oder nicht, empörend. Die GRÜNEN der Stadt Zürich protestieren gegen den überhasteten Umgang mit dem Problem Schauspielhaus und gegen das Abwälzen eines strukturellen Problems auf den Buckel des Theaterdirektors!

Die Ankündigung des Verwaltungsrates, sich von Christoph Marthaler zu trennen, kommt zum jetzigen Zeitpunkt überraschend und ist für uns GRÜNE überhastet. Die Probleme mit den Zuschauerzahlen waren schon letzten Winter und - noch klarer - diesen Frühling vor der Schauspielhaus-Abstimmung bekannt. Daher sollte die (verkürzte) Saison 2002/03 mit mehr „Rücksicht" auf das Pfauen-Publikum programmiert werden. Aber nun hat der Verwaltungsrat bereits vor dem Start die Notbremse gezogen. Fraglich, ob dies die Bedingungen für den Schauspielhaus-Turnaround verbessert... Eine Überprüfung hätte auch zur Halbzeit der Saison stattfinden können.

Problemlösung nicht auf dem Buckel anderer

Unbestritten ist, dass Marthaler sehr gutes Theater gemacht hat, wenn auch von einem Zuschnitt, der nicht allen gerecht wurde. Das ist allerdings nicht das Problem, sondern es stellt sich die Frage, ob es in Zürich tatsächlich zwei Theaterhäuser, Schiffbau/Box und Pfauen, veträgt. Hier ist die Kulturpolitik gefragt, nun müssen Alternativen auf den Tisch! Möglicherweise braucht es eine Doppelintendanz (Schiffbau+Box/Pfauen). Ungelöst bleiben nämlich, trotz des Rausschmisses, die strukturellen Probleme. Hier vermisst man auch Aussagen des Verwaltungsrates, der es sich mit seinem Entscheid sehr einfach macht. Grundbedingung bei alle Alternativen ist allerdings für die GRÜNEN: das Schauspielhaus darf die Stadt nicht noch mehr Subventionen kosten. Heute kämpft z.B. die Rote Fabrik, die mit ca. 100'000 BesucherInnen immerhin im Bereich des Schauspielhauses mit heute 120'000 BesucherInnen ist, um eine angemessene Subventionserhöhung. Hier vermissen die GRÜNEN neben dem Stadtpräsidenten andere KulturpolitikerInnen, welche wie in der Schauspielhauskampagne auch für die Rote Fabrik "den Kopf hinhalten".

Mediendienst GRÜNE Stadt Zürich /bg/mk
Für Rückfragen: Markus Kunz, Parteipräsident, 079 463 28 45
Balthasar Glättli, Fraktionspräsident GRÜNE/AL, G: 01 448 21 27

Ältere Medienmitteilungen der GRÜNEN zum Thema Schauspielhaus/Schiffbau:

Fraktionserklärung der Grünen im Kantonsrat, am 2.9.02

"Kulturpolitischer" Fehlpass

Es geht um Kunst, nicht um Kultur. Kunst ist Kunst als Kunst, mithin inhaltlich nicht Sache der Politik. Letztere setzt Rahmenbedingungen. Die sind selbstredend wesentlich auch finanzieller Natur. Es geht auch nicht darum, ob man einzelne Inszenierungen des Intendanten bejubelt oder verdammt. Wir sprechen nicht als Fanclub (der Unterzeichnete fand zum Beispiel "Hotel Angst" eine seltsam öde Inszenierung, (nachzulesen im "PS" vom September 2000), die zum Teil von den gleichen hochgejubelt wurde, die nun Marthaler fallen lassen)). Es geht um, dass "Kulturpolitik" nachvollziehbar bleibt.

Fest steht: Der Verwaltungsrat des Schauspielhaus hat dem sog. kulturpolitischen Ansehen der Stadt Zürich schweren Schaden zugefügt. Es bestand kein Anlass, Marthaler jetzt den Vertrag zu kündigen. Die Kündigung erfolgte zur Unzeit. Erst vor kurzem haben nämlich die StimmbürgerInnen unlängst einen namhaften Kredit zu Gunsten des Schauspielhauses bewilligt, was im übrigen die Mär widerlegt, das Volk wolle mehrheitlich die Kunst des Schauspielhauses nicht, das sich durch unterschiedliche Formen moderner Inszenierungskunst nota bene namhafter und differenter Regieansätze auszeichnete. Das Schauspielhaus unter Marthaler und kein anderes erhielt eine mehrheitliche Unterstützung ­ immerhin bemerkenswert, es gibt wohl wenige Kommunen, die über eine aktuelle Theaterintendanz schon das Volk befragt hätten. Die neue Saison steht Mitten in der Vorbereitung, sie ist nun arg belastet.

Der Intendanz Marthaler wurde indessen schon von Anfang an ein Konzept aufgebürdet, das kaum zu bewältigen war. Er hatte gewissermassen zwei Theaterschienen zu "bedienen". Die Fehlplanung der zuständigen Behörden und des Verwaltungsrates war und ist aktenkundig, nun muss Marthaler für sie den Kopf hinhalten, obgleich er von Anfang an für das stand, was er auch praktizierte.

Natürlich entscheidet nicht einfach das Feuilleton, entscheiden nicht einfach "Kulturopinionleaders" über das, was gutes Theater ist. Theater ist ein ständiges Ringen mit dem Publikum. Im Schiffbau hat denn auch Marthaler seine Bewährungsprobe bestanden. Dies nach sehr kurzer Zeit (und was bemerkenswert ist: nicht zu Lasten der breiten Alternativtheaterszene in Zürich). Im Schauspielhaus war dies mehrheitlich nicht der Fall. Marthaler wurde freilich gekündigt, ohne dass der Verwaltungsrat auch nur in Ansätzen ein Konzept vorgelegt hätte, wie das Problem der Doppelspurigkeit Schiffbau/Schauspielhaus bewältigt werden könnte.

Der Verwaltungsrat hat nach eigenen Angaben die Notbremse gezogen. Jetzt hat er vor allem die kommende Spielzeit über Gebühr belastet. Für deren allfälligen Misserfolg trägt er gehörige Mitverantwortung.

Es braucht eine konzeptionelle Bereinigung.

ZH/2.9.02/D.Vischer

Artikel in Medien

FAZ

Spiegel

NZZ

Tages-Anzeiger

Weitere Links

http://www.schauspielhaus.ch


Original: http://www.glaettli.ch/dossiers/schauspielhaus/ , Stand 02.09.2002
Zusammenstellung © 2002 balthasar@glaettli.ch
© der Artikel bei den jeweiligen AutorInnen.